VIRTUELLE VERNISSAGE: Gottfried Peer Ueberfeldt – Live Free or Die

Wann:
25. März 2020 um 18:00 – 3. Mai 2020 um 23:00
2020-03-25T18:00:00+01:00
2020-05-03T23:00:00+02:00
Wo:
Galerie 1
KUNST TROTZ CORONAKRISE
Aufgrund der aktuellen Coronakrise sind unsere Ausstellungen bis zum
19.04.2020 geschlossen. Die am 18.03.2020 ausgefallene Vernissage
holen wir mit einer virtuellen Vernissage nach.
Diese virtuelle Vernissage zeigt einen Rundgang durch die Ausstellung, begleitet durch eine Einführung der Kurators Stefan-Maria Mittendorf.

GOTTFRIED PEER UEBERFELDT (1945 – 2014):

LIVE FREE OR DIE

EINE RETROSPEKTIVE

Mit drei Fotografien von Heide Stolz (1939 – 1985)
Kurator: Stefan-Maria Mittendorf

Virtuelle Vernissage: Mi, 25.03.2020

Galerien 1 – 3

Laufzeit: 19.03. – 03.05.2020

Geschlossen: 10., 12.04. und 01.05.2020

Öffnungszeiten Galerien 1 – 3: Di – So 16 – 20 Uhr

Eintritt: 4,00 Euro, ermäßigt 2,00 Euro

 

Die Arbeit des autodidaktischen Künstlers, Comic-Zeichners, Autors, Kunstkritikers und Filmemachers Gottfried Peer Ueberfeldt (1945 – 2014) kann nach seinem Umzug 1966 von Bonn nach München im Umkreis der hiesigen Avantgarde und als Assistent der Galerie Heiner Friedrichs als dauernde Suche nach einer Neudefinition sowohl der Rolle der Kunst als auch seiner eigenen Existenz betrachtet werden. Wie andere junge Künstler*innen der Nachkriegsgeneration auch – Ueberfeldt war 1967 in das Kelleratelier von Uwe Lausen gezogen und so auch mit Lausens Frau Heide Stolz komplizenhaft verbunden – stand er vor der Frage, in welche Richtung sich die zeitgenössische Darstellung bewegen sollte, nachdem ein mörderischer Krieg die moralische Legitimität Deutschlands zugrunde gerichtet hatte.

 

Die Ausstellung „Live free or die“ ist die erste Retrospektive von Ueberfeldts Werken seit seinem Tod 2014. Gezeigt wird eine repräsentative Auswahl von 75 schwarz-weißen sowie kolorierten Handzeichnungen, Siebdrucken, bearbeitete Kopien und der Film „Das vierte System“. Es sind auch drei Fotografien von Heide Stolz aus dem Jahr 1967 zu sehen, die Gottfried Peer Ueberfeldt in machohafter Geste bei einem Fotoshooting in einer Kiesgrube bei Aschhofen zeigen. Die Pigmentprints auf Barytpapier, kaschiert auf Aludibond hat DASMAXIMUM in Traunreut für die Ausstellung als Leihgaben zur Verfügung gestellt.

 

Am Anfang stehen Ueberfeldts großformatige Tuschezeichnungen, welche die Münchner Galerie Neuhaus 1969 als Debütausstellung des damals 24-Jährigen präsentierte. Die schwarz-weißen Federzeichnungen sind von einer kühlen Präzision, in denen technische Verfahren des Photographismus und der Architekturzeichnung vereinigt sind. Daraus entwickelte Ueberfeldt seinen eigenen Stil, dessen Herkunft aus Comic-Umsetzungen der Pop-Art und dem naturalistischen Photographismus unverkennbar ist, der aber auch die eigene, individuelle Note bekundet. Der 1967 von Ueberfeldt gezeichnete Comic-Strip „Holger von Ostgard“ wurde im selben Jahr der Münchner Ausstellung als Siebdruck Edition von der Galerie Peukert in Bonn herausgegeben. Zeitgleich zeichnete er für Regie, Darsteller und Mitarbeit am Drehbuch des Films „Das vierte System“ verantwortlich. Eine weitere Station von Ueberfeldts früher Karriere war die 1972 von der Galerie Leonhart in München ausgerichtete Ausstellung „Neue Epik“. Im zur Ausstellung erschienenen Katalog schrieb der Künstler: „Die Neue Epik unterscheidet sich trotz einiger formaler Übereinstimmungen grundlegend vom Neuen Realismus. Die Realisten beschränken sich in ihrer Darstellungsweise lediglich auf die Reproduktion der vordergründigsten Elemente von Realitäten. Die Neue Epik hingegen ist eine optische Erzählform und die subjektive Umsetzung aller möglicher Zeitströmungen. Sie propagiert Extremsituationen wie Krieg, Terror, Heldentum, Einsamkeit etc. aus einer optischen und emotionalen Faszination heraus, ohne die gesellschaftspolitische Relevanz zu berücksichtigen“. In Ueberfeldts feinschraffierten Handzeichnungen „Neue Epik“ zeigt sich ein ganz persönlicher Gestaltungs- und Aussagewille. Bezeichnend ist hier die Mischung von Realität und Entfremdung, oft von einem gewissen surrealen Effekt, der auch perspektivische Leer-Räume in die Bildwirkung genau kalkulierend einsetzt. Form und Inhalt werden bestimmt durch die Konfrontation von Fragmenten aus dem Arsenal historischer Bauten, Städtebilder und künstlerischer Landschaften wie Böcklins „Toteninsel“ mit solchen der Gewaltzeichen aus dem Arsenal der Kriegsmaschinerie (Soldaten, Panzer, Jagdbomber, Kanonen usw.). Dabei spielen für Ueberfeldt eine fast traumatische Rolle die Symbolfiguren des zweiten Weltkriegs. Aus der Distanz wird das herauspräparierte Heldentum vom Künstler surreal in Frage gestellt. Voller Lust am Untergang, fasziniert von Waffen und klaren Verhältnissen zwischen Männern, die miteinander schlafen, wenn es nichts mehr miteinander zu bekämpfen gibt, wartet Ueberfeldt auf eine Gesellschaft, die von einer neuen Elite regiert wird. In dieser Welt sieht sich der Künstler selbst als einsamen Todesengel Cocteauscher Prägung, in schwarzer Montur und schwarze Lederstiefel gekleidet, im Sessel vor der Vedute der amerikanischen Kleinstadt Savannah in Georgia sitzend, wie es in der Zeichnung „Selbstporträt vor Savannah, GA“ aus dem Jahr 1973 dargestellt ist. Ein Traumbild und Vision vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

 

1975 reiste Ueberfeldt in die USA nach Natchez im Bundesstaat Mississippi aus. Dort plante er zur 200-Jahrfeier das Projekt „Psychogramm einer amerikanischen Kleinstadt am Beispiel Natchez Miss.“. Mit diesem ambitionierten Vorhaben stellte Ueberfeldt eine Art Gegenperson und deutsch-europäische Antwort auf die Herausforderung des Pop-Art Künstlers Andy Warhol dar. Die in den USA entstandenen schwarz-weißen Handzeichnungen spiegeln das Lebensgefühl der „neuen Welt“. Der legendäre Road Movie „Easy Rider“ inspirierte den Künstler wiederholt für seine Bildfindungen. Er begann seine Zeichnungen mit Porträts von Peter Fonda, Harley-Davidson-Motorrädern, Rail-Cross-Zeichen und anderen Motiven aufzuladen. 1978 wurde Ueberfeldt zum ehrenamtlichen „Deputy Sheriff“ von Adams County ernannt. Das Projekt mit der Bilderserie „Psychogramm einer amerikanischen Kleinstadt…“ blieb allerdings unvollendet, da der Künstler aufgrund seines abgelaufenen Visums 1978 aus den USA ausgewiesen wurde. Nach einem Monat kehrte Ueberfeldt nach Natchez zurück und setzte seine künstlerische Arbeit fort. 1992 wurde Ueberfeldts letzte Ausstellung in St. Petersburg in Florida gezeigt, bevor er Amerika für immer verließ. 1995 zog der Künstler erneut nach München. Hier entdeckte er die Farbe und begann seine Zeichnungen zu kolorieren. Auch die kolorierte Fotokopie erarbeitete er sich mit eigenen Stilmitteln. Diese Arbeiten weisen einen hohen Grad an Fragmentierung auf und integrieren surreale Motive. Gequälte Kreaturen im Stil Hieronymus Boschs, Ueberfeldts Alter Ego, eine Totenmaske, die Zigarette an einer Kette, eine Überwachungskamera als motivische Referenz an George Orwells Roman „1984“ sowie das violette Eingangsportal zu einer Totenkapelle sampelt Ueberfeldt zu ortlosen und dystopischen Bildräumen. Man könnte Ueberfeldt als einen Künstler beschreiben, für den es zwar die ideale Zeit gab, aber den idealen Ort nicht. Jede Suche wurde ihm zur Sinnsuche; jeder Interessenkonflikt schnitt ihm ins eigene Fleisch. Sein eigentlicher Raum künstlerischen Schaffens war die Freiheit, und am Ende seines Lebens blieb er einsam mit dem Moment eines Knaben, der als fallender Krieger eine Erektion bekommt. Gottfried Peer Ueberfeldt starb am 14.02.2014 in München.

 

Text: Stefan-Maria Mittendorf M.A